Zur Totenmesse von Cimarosa

 

Der italienische Komponist Domenico Cimarosa ist hierzulande fast ausschliesslich als Schöpfer der Opernkomödie „Il matrimonio segreto“ bekannt. Dieses Werk wurde 1792, ein Jahr nach Mozarts Tod, in Wien uraufgeführt und knüpft stilistisch deutlich an dessen drei berühmten Opern „Figaro“, Così fan tutte“ und „Don Giovanni“ an. Tatsächlich war der 1749 in Aversa bei Neapel geborene Cimarosa hauptsächlich ein Opernkomponist. Seine über 60 Opern entstanden hauptsächlich für Neapel und Rom, aber auch für Verona, Venedig, Mailand und Florenz. 1787 zog Cimarosa für vier Jahre nach St. Petersburg, wo infolge der guten Beziehungen zwischen dem neapolitanischen König Ferdinando IV. und der Zarin Katharina II. ein italienisches Opernhaus existierte. 1792 wurde Cimarosa als Nachfolger von Salieri Hofkapellmeister in Wien. Als 1799 Neapel von den Truppen der französischen Republik besetzt wurde, nahm Cimarosa Kompositionsaufträge der neuen Machthaber an. Doch der Aufstand wurde niedergeschlagen, die Bourbonen-Könige kehrten wieder zurück, und über Cimarosa wurde die Todesstrafe verhängt. Das Urteil wurde dann durch Bitten einflussreicher Freunde in eine Verbannung umgewandelt. Cimarosa wollte erneut nach St. Petersburg reisen, starb aber unterwegs in Venedig an einer Darmentzündung.

 

Das Requiem in g-Moll stammt aus Cimarosas St. Petersburger Zeit. Kaum war der nämlich der Komponist Anfang Dezember 1787 dort angekommen, verstarb die Gattin des Herzogs von Serra Capriola. Der Herzog amtete als Gesandter Ferdinands IV. am Zarenhof und hatte die Einladung Cimarosas nach St. Petersburg vermittelt. Um dem Herzog seine Dankbarkeit zu erweisen schrieb der Komponist in nur wenigen Tagen eine Totenmesse, die dann bei der Begräbnisfeier für die Diplomatengattin zum ersten Mal erklang.

 

Cimarosas Requiem dauert eine gute Stunde und ist für vier Solisten, gemischten Chor und Orchester geschrieben. Die Orchesterbesetzung ist liegt mit zwei Oboen, zwei Fagotten, zwei Hörnern, Streichern und Orgelpositiv bei einer mittleren Grösse. Die Blasinstrumente werden allerdings sehr spärlich eingesetzt. Als Text verwendet Cimarosa das offizielle Formular der katholischen Totenmesse in lateinischer Sprache. Wie fast alle Komponisten gestaltete auch Cimarosa die Sequenz, welche die Schrecken des Jüngsten Gerichts darstellt, mit eindrucksvollen musikalischen Mitteln. An die Aussagekraft von Mozart kommt aber Cimarosa nicht ganz heran. Die Sätze drei bis acht des insgesamt 14 Sätze zählenden Requiems vertonen die Sequenz, was fast die Hälfte des Werks ausmacht.

 

Aus liturgischer Sicht ist eine Totenmesse ein Gebet der gläubigen Gemeinde für das Seelenheil der eben verstorbenen Person oder aller bereits verstorbenen Personen. Am deutlichsten kommt das im Offertorium zum Ausdruck, wo es in einer bilderreichen Sprache heisst: „Herr Jesus Christus, König der Herrlichkeit, bewahre die Seelen aller verstorbenen Gläubigen vor den Qualen des Infernos und vor den Tiefen der Unterwelt… Opfergaben und Gebete bringen wir dir, Herr, zum Lobe dar. Nimm sie an für jene Seelen, deren wir heute gedenken. Herr, lass sie vom Tode hinüberehen zum Leben.“ Die Totenmesse enthält einerseits Gebete, die auch in „normalen“ Messen vorkommen, nämlich „Kyrie“, „Sanctus“, „Benedictus“ und „Agnus Dei“. Zusätzlich verwendet die Totenmesse Texte des sogenannten Propriums, die auf den besonderen Charakter des Anlasses ausgerichtet sind. Es sind dies der Introitus „Requiem aeternam“, das Graduale „In memoria aeterna“, die Sequenz „Dies irae“, das Offertorium „Domine Jesu Christe“ und die Communio „Lux aeterna“.

 

Der bekannteste Text des Requiems ist die Totensequenz, die mit den Worten „Dies irae, dies illa“ beginnt. Die Sequenz stammt aus dem Mittelalter und wird Thomas von Celano zugeschrieben. Das mit Reim und Versmass ausgestattete lateinische Gedicht beschwört in drastischen Bildern und plakativer Schwarz-weiss-Malerei die Situation des Jüngsten Tages, an dem Gott als Richter erscheinen und die Menschen in Gute und Böse einteilen wird. Diese Szene hat später Michelangelo in seinem berühmten Bild in der Sixtinischen Kapelle dargestellt. Beim Zweiten Vatikanischen Konzil in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts hat die katholische Kirche die Sequenz als Ausdruck eines überholten Zeitgeistes eingestuft und daher abgeschafft; sie ist seither nicht mehr Bestandteil der Totenmesse. Den Komponisten aber, die ein Requiem komponiert haben, bot ausgerechnet die Sequenz stets die wichtigste Inspirationsquelle. Man höre sich Mozart, Berlioz oder Verdi an.

 

Eine Besonderheit von Cimarosas Requiems stellt der Schlusssatz, das „Libera me“, dar. Liturgisch gesehen gehört er nicht zur Totenmesse, sondern zur Begrägniszeremonie. Bis in unsere Tage hinein hat man jedoch geglaubt, Cimarosas Requiem ende mit der Nummer 13, der Communio „Lux aeterna“. So findet man das Werk in den älteren Ausgaben und in den Einspielungen. Zu Beginn unseres Jahrhunderts hat der Musikforscher Reinmar Emans in der autographen Partitur und in einem originalen Stimmensatz das „Libera me“ entdeckt. Im Jahr 2008 hat er Cimarosas Requiem mit diesem Zusatz im Verlag Breitkopf & Härtel herausgebracht. Im „Libera me“ setzt der Komponist, im Unterschied zu den vorhergehenden Sätzen, zwei Oboen und zwei Fagotte obligat ein, was in Kombination mit einer rondoartigen Form zu einem wirkungsvollen Werkschluss führt. Der Kammerchor Uster ist stolz darauf, als einer der ersten Chöre Cimarosas Requiem in der nun vorliegenden vollständigen Fassung zu präsentieren.

 

                                                                                           Thomas Schacher